Andreas Maurer: Herzlich willkommen live vom IONOS Summit zu einer weiteren Folge von Inside IONOS. Bei mir sind Andreas Nauerz, Chief Product Officer bei IONOS, und Frank Karlitschek, CEO von Nextcloud. Ihr beide habt heute zusammen den neuen IONOS Nextcloud Workspace vorgestellt. Frank, vielleicht noch mal ganz kurz: Was ist Nextcloud?
Frank Karlitschek: Die offizielle Definition lautet, es ist eine Collaboration-Plattform, also eine Kollaborationssoftware, mit der man über das Internet zusammenarbeiten und kommunizieren kann. Dazu gehören Dateiaustausch, Chat, Videoconferencing, E-Mail, Kalender, Kontakte, Office und ähnliche Dinge.
Andreas Maurer: Und Andreas, was unterscheidet jetzt den IONOS Nextcloud Workspace von dem normalen Nextcloud, das es ja auch schon lange bei IONOS zu kaufen gibt?
Andreas Nauerz: Ich glaube, es ist die Funktionserweiterung und das neue Level, auf das wir es gehoben haben. Wir sehen einen Shift vom ursprünglichen Fokus auf Kollaboration hin zu einer echten Alternative, die gut in die heutige Zeit passt. Souveränität infolge der Geopolitik ist ein Riesenthema. Damit werden wir eine gute Alternative zu Angeboten wie Microsoft Office, weil wir nun Funktionen integriert haben, die einem Word oder Excel näherkommen. Wir bauen sukzessive die Palette dessen aus, was man in der Zusammenarbeit in diesem Kontext benötigt. Wir bringen das stark auf unsere Plattform, integrieren es mit unserem Ökosystem und machen es dem Souveränitätsgedanken folgend auf eine sichere Art und Weise auf unserer Infrastruktur verfügbar. Ich glaube, das ist der Anfang, und auf diesem Weg müssen wir uns weiterentwickeln. Passt das für dich, Frank?
Frank Karlitschek: Ja, genau. Vielleicht kennen nicht alle die genaue Problematik, weil natürlich alle Anbieter behaupten, sie seien sicher. Es gibt hier jedoch Dinge, die fundamental anders und besser sind. Wir stehen im Wettbewerb mit anderen Software-as-a-Service-Angeboten, die typischerweise aus den USA kommen. Dort hat man die Problematik, dass amerikanische Behörden aufgrund des Patriot Acts und des Cloud Acts letztendlich Vollzugriff auf die Daten haben. Oft wird behauptet, es sei kein Problem, wenn das Rechenzentrum in Deutschland oder Europa steht. Das stimmt aber nicht, da die amerikanische Rechtsprechung vorschreibt, dass man als amerikanisches Unternehmen die Daten herausgeben muss. IONOS ist ein deutsches, europäisches Unternehmen, und Nextcloud ist ebenfalls europäisch, sodass wir die Daten vollständig schützen können. Das ist einer der ganz großen Vorteile.
Andreas Nauerz: Ich finde das einen wichtigen Punkt, den du gerade machst. Einer meiner Kollegen sagt immer, man dürfe nicht auf Software-Washing hereinfallen. Es ist völlig egal, wo die Server stehen und ob diese Firmen europäische oder deutsche GmbHs gründen; sie können trotzdem in die Daten schauen. Das ist der erste Teil der Problematik. Der zweite Teil ist die Abhängigkeit: Kürzlich gab es ein Announcement darüber, dass amerikanische KI-Technologie von OpenAI nun auf deutsche Rechner gebracht wird, was mich schmunzeln ließ. Wo bleibt die Souveränität, wenn diese amerikanische Firma unter Exportkontrolle fällt und wir keine Updates oder Weiterentwicklungen mehr erhalten, weil ein amerikanischer Präsident das so entscheidet? Hier haben wir den kompletten Stack in Europa unter unserer Kontrolle entwickelt, was eine ganz andere Geschichte ist. Insofern halte ich diese Kooperation für unheimlich wertvoll.
Andreas Maurer: Digitale Souveränität ist ein Schlagwort, das man momentan jeden Tag liest, und wir sehen in Umfragen, dass auch kleinere Firmen ein immer stärkeres Interesse an souveränen Lösungen haben. Für wen ist der IONOS Nextcloud Workspace denn am besten geeignet?
Frank Karlitschek: Nextcloud hat als Software die außergewöhnliche Eigenschaft, dass sie von sehr kleinen bis zu ganz großen Umgebungen funktioniert. Da es Open Source ist, betreiben viele in unserer Community es beispielsweise auf einem Raspberry Pi zu Hause für Familie und Freunde mit drei Nutzern, was wunderbar funktioniert. Es skaliert aber auch hoch bis zu hunderttausend oder Millionen von Nutzern. Mit IONOS haben wir seit vielen Jahren eine gute Partnerschaft und gemeinsame Großkunden. Dieser spezielle Service richtet sich jedoch vor allem an das mittlere Segment, an kleine und mittlere Unternehmen, auch wenn man es natürlich als Familie buchen kann.
Andreas Maurer: Wie sieht es mit der öffentlichen Hand aus? In der Schweiz hat man gerade sehr große Bedenken gegen die Microsoft-Lösung, sowohl in der Regierung als auch beim Militär. Bayern wiederum will alles auf die Office-Lösung aus den USA ausrollen. Wäre das nicht eine optimale Lösung gerade für die öffentliche Hand?
Andreas Nauerz: Da kann ich dir nur zustimmen. Ich kann absolut nicht nachvollziehen, dass wir im öffentlichen Bereich bis hin zum Verteidigungssektor überhaupt auf die Idee kommen, amerikanische Lösungen einzusetzen. Als ich die Pläne der Bundeswehr hörte, hatte ich massive Bedenken. Ich versuche mir immer vorzustellen, wie eine amerikanische Institution reagieren würde, wenn sie keine amerikanische Lösung hätte. Solche sensiblen Daten und personenspezifischen Informationen gehören in die Hände entsprechender heimischer Player. Wir brauchen Kontrolle über Datenmodelle und Infrastruktur sowie Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Das ist indiskutabel. Besonders im Hinblick auf KI dürfen wir unsere wertvollen Industrie- und Werksdaten nicht aus der Hand geben.
Frank Karlitschek: Da gibt es noch viele weitere Aspekte. Das Sicherheitsthema haben wir bereits angesprochen. Ein weiteres Argument ist der sogenannte Killswitch: Eine ausländische Regierung könnte einen Service einfach abschalten, was eine große Gefahr darstellt, wenn es als Verhandlungsmasse genutzt wird. Dann gibt es das Thema Preise. Wir haben täglich neue Zölle, die erhoben und wieder gesenkt werden, was die Planungssicherheit bei US-Cloud-Angeboten völlig zerstört. Microsoft hat die Preise Anfang des Jahres einfach um 40 Prozent erhöht, was nur aufgrund ihrer Monopolstellung möglich ist. Ein weiterer Punkt ist der Wirtschaftsstandort: Wenn wir in Europa zukünftig spannende IT-Unternehmen haben wollen, müssen wir die Kompetenz und Technologie hier behalten. Sonst sind wir irgendwann nur noch Konsumenten und können nicht mehr mitspielen.
Andreas Nauerz: An dieser Stelle hoffe ich, dass wir aus der Vergangenheit gelernt haben. Das, was im Cloud-Computing mit den Playern aus den USA oder Asien passiert ist, darf sich nicht wiederholen. Wir haben im Bereich KI noch einmal die Chance, eine andere Rolle einzunehmen, und die müssen wir nutzen. Ohne Daten gibt es keine KI, und wir haben so viele Daten quer durch alle Branchen wie Pharma und Automotive. Wenn wir es schaffen, diese richtig zu nutzen, können wir die operationale Effizienz in den Firmen auf ein neues Level heben und durch geschickten Einsatz dieser Daten möglicherweise neue Monetarisierungs- und Geschäftsmodelle aufbauen.
Andreas Maurer: Stichwort KI: Wie viel künstliche Intelligenz steckt heute schon in Nextcloud?
Frank Karlitschek: Ein ganz spannender Punkt. Momentan denken alle, KI sei nur ein Chatbot, mit dem man reden kann. Das ist natürlich faszinierend, aber richtig spannend wird es, wenn wir KI-Funktionen tief in die Anwendung einbetten. Bei Nextcloud haben wir das bereits umgesetzt: Man kann auf ein Dokument klicken und es in ein anderes Format konvertieren lassen, ein Meeting-Protokoll in eine PowerPoint-Präsentation umwandeln oder aus einer eingehenden E-Mail eine Meeting-Einladung erstellen. Dazu kommen das Zusammenfassen von Dokumenten, E-Mails oder Chatverläufen, das Vorschlagen von Antworten und das Transkribieren von Video-Calls. Es fallen uns täglich neue Ideen ein, wo man KI noch weiter einbauen kann, um Produktivitätsgewinne mitzunehmen.
Andreas Maurer: Und dann ist es wahrscheinlich wichtig, diese KI-Anbindung auch wirklich souverän zu gestalten, damit meine Daten am Ende nicht bei der NSA landen?
Andreas Nauerz: Absolut, da kommen wir wieder zum gleichen Thema. Egal ob es Excel, Word oder sonstige Lösungen sind: Wenn KI-Funktionalitäten amerikanischer Anbieter wie OpenAI eingebaut werden und die Daten zum Training ihrer Modelle abfließen, haben wir ein Problem. Das darf nicht passieren. Wie ich schon sagte, brauchen wir Kontrolle über Daten, Modelle und unsere Infrastruktur.
Andreas Maurer: Noch mal ein Blick zurück: Wir haben Nextcloud im Juni angekündigt, es hat also durchaus Zeit gedauert. Wie kann man sich die gemeinsame Entwicklung eines solchen Produkts vorstellen und wie gut harmonieren unterschiedliche Firmen wie Nextcloud und IONOS?
Frank Karlitschek: Das Besondere ist die enge technische Zusammenarbeit, die nicht erst dieses Jahr begonnen hat. Wir arbeiten seit vielen Jahren in Projekten zusammen, sodass sich die Techniker von IONOS und Nextcloud bereits persönlich kennen. Die räumliche Nähe zwischen Karlsruhe, Berlin und Stuttgart hilft dabei, Dinge auf dem kurzen Dienstweg zu klären. Das hat sehr gut funktioniert, wodurch wir diesen tollen Service in kürzester Zeit an den Start bringen konnten. Wir haben tiefgreifende Integrationen gebaut, etwa die KI-Funktionen, die es in dieser Form nirgendwo anders gibt. Auch im Bereich Skalierbarkeit haben wir Kompetenzen gebündelt; das Nextcloud Talk Video-Calling-System skaliert wunderbar und funktioniert problemlos mit hunderten Personen in einem Call.
Andreas Maurer: Jetzt wollt ihr natürlich erst einmal das Produkt in den Markt bringen, wir haben es gestern Abend erst veröffentlicht. Könnt ihr einen Ausblick geben, wie es mit dem IONOS Nextcloud Workspace weitergehen soll?
Frank Karlitschek: Der Plan ist, weiterhin sehr eng zusammenzuarbeiten. Wir wollen idealerweise jedes neue Nextcloud-Release sehr zeitnah oder sofort auf der IONOS-Plattform verfügbar machen. Das erfordert eine enge Abstimmung beim Testing. Bei Nextcloud sprechen wir zwar erst über zukünftige Features, wenn sie fertig sind, aber wir haben sehr ehrgeizige Pläne für das nächste Jahr. Der jetzige Service ist erst der Startpunkt, da werden in den nächsten Monaten noch viele tolle Dinge auf die Plattform kommen.
Andreas Maurer: Und bezüglich IONOS, Andreas: Wir haben eine Reihe spannender News in Sachen KI in der Pipeline. Wenn der Podcast herauskommt, sind diese wahrscheinlich schon öffentlich. Da wird es vermutlich auch noch einiges geben?
Andreas Nauerz: Ich würde das weiter fassen. Wir müssen zum einen unsere etablierten Kernprodukte mit KI-Fähigkeiten erweitern. Beim Sitebuilder ist die Richtung klar: Er soll nicht mehr nur Drag-and-Drop können, sondern durch natürliche Sprachbeschreibungen iterative Webseiten erzeugen. Daran arbeiten wir bereits. Zum anderen erweitern wir unser Portfolio um ganz neue Dinge, wie den Agent-Swarm, eine digitale Belegschaft mit virtuellen Mitarbeitern, die man antrainieren kann. Ein Beispiel wäre ein digitaler Hotelrezeptionist, der auf Basis eines hochgeladenen PDFs oder einer Webseite im Support unterstützt, rund um die Uhr verfügbar ist und alle Sprachen beherrscht. Wir denken grundsätzlich alles neu und prüfen, wo es Sinn ergibt, diese KI-Fähigkeiten einzubauen.
Andreas Maurer: Zum Schluss vielleicht noch eine allgemeinere Frage: Das Thema Digitale Souveränität steht für uns seit Jahren ganz oben auf der Liste. Auf Messen wie der Hannover Messe oder der Smart Country Convention in Berlin gab es eigentlich kein anderes Thema mehr. Wie optimistisch seid ihr, dass sich in den kommenden Jahren in Europa und Deutschland in dieser Richtung etwas bewegt?
Frank Karlitschek: Ich bin wirklich optimistisch. Wir haben zwar noch einen langen Weg vor uns, aber alle Personen in der Politik, sowohl in Deutschland als auch europaweit, haben das Problem verstanden. Es gibt teilweise noch unterschiedliche Ansichten über die genaue Richtung, aber es wird wirklich etwas passieren. Dieser Trend wird nicht mehr verschwinden. Das Verständnis, dass IT strategisch relevant für die Weltpolitik und Unternehmen ist, hat sich durchgesetzt. Man muss Abhängigkeiten, Roadmaps und Datenzugriffe kennen. Daher bin ich optimistisch, dass dies zu echten Veränderungen führen wird.
Andreas Nauerz: Wir sehen derzeit eine Menge Aktivitäten. Letzte Woche fand die Hightech-Agenda mit politischer Vertretung auf höchster Ebene statt, bei der Fokusgebiete für Förderungen definiert wurden. Die universitäre Landschaft verändert sich, und es entstehen viel mehr erfolgreiche Deeptech-Startups. Die Leute merken zusehends, dass nicht alles rundläuft, und der dadurch entstehende Schmerz bringt uns in Bewegung. Wir haben eine unheimlich starke Forschung und schlaue Köpfe in Deutschland und Europa. Wenn es scheitert, dann an der Umsetzung, an Finanzierung oder Bürokratie, aber nicht an mangelnder Kompetenz. Mit der richtigen Entschlackung des Systems wird das auch besser werden.
Frank Karlitschek: Ein zusätzlicher Aspekt: Oft gibt es das Narrativ, wir seien in einer Aufholjagd und würden den USA hinterherhinken. Ich möchte das anders formulieren: Es gibt Bereiche, in denen wir führend sind und Innovationen zur Verfügung stellen können. Ein Chatbot wie ChatGPT, der Zugriff auf das Internet hat, hat keinen Zugriff auf meine persönlichen E-Mails, interne Dokumente oder meinen Kalender. Das wäre aus Datenschutzgründen Wahnsinn. Bei lokalen Systemen wie dem IONOS Nextcloud Workspace, wo die Daten und das KI-System in sicheren Containern bei IONOS liegen, kann die KI jedoch live auf die Unternehmensdaten zugreifen und damit arbeiten. Das bringt echte Produktivitätsgewinne, die ein herkömmlicher Copilot nicht bieten kann.
Andreas Maurer: Vielen Dank für die interessanten Einsichten und die optimistischen Worte zum Schluss. Wir bleiben gespannt, wie es in den nächsten Monaten und Jahren weitergeht. Vielen Dank an Frank Karlitschek und Andreas Nauerz.
Andreas Nauerz / Frank Karlitschek: Sehr, sehr gerne. Danke.