Inside IONOS

Transkript

Zurück zur Episode

Thilo Haertel: Hallo und herzlich willkommen bei Inside IONOS live vom IONOS Summit 2026 in Berlin. In unserer Eröffnungskeynote hat unser IONOS Vorstand Jens Reich gerade erklärt, dass wir in Deutschland und Europa beim Thema KI durchaus einen Anlass für Optimismus haben, vor allem bei den Anwendungen. Jetzt schauen wir mal mit einem der bekanntesten deutschen Ökonomen auf das große Ganze. Ich begrüße Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin, Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität und auch Autor mehrerer Bestseller. Schön, dass Sie heute bei uns sind im Podcast.

Marcel Fratzscher: Ja, sehr gerne. Vielen Dank für die Einleitung.

Thilo Haertel: Herr Fratzscher, teilen Sie diesen Optimismus, den unser Vorstand bezüglich der deutschen Wirtschaft geäußert hat?

Marcel Fratzscher: Ja, ich bin durch und durch Optimist, und Kernpunkt meines Vortrags war: Die wirtschaftliche Realität, die wirtschaftliche Substanz in Deutschland ist deutlich besser als unsere Stimmung. Und wenn man sich fragt, wie können wir Chancen nutzen, wie können wir uns neu aufstellen, dann geht's jetzt zuerst einmal darum, sich auch der eigenen Stärken bewusst zu werden, zu sagen, was hat uns eigentlich in der Vergangenheit richtig erfolgreich gemacht und wie können wir darauf aufbauen. Deshalb: Ich bin durch und durch Optimist, aber wir müssen einige Dinge wirklich ganz grundlegend verändern.

Thilo Haertel: Viele KI-Firmenchefs rufen plötzlich nach Regulierung, und Europa gilt ja eher als so ein Regelweltmeister. Wird das plötzlich eher zum Vorteil als zur Bremse? Was würden Sie sagen?

Marcel Fratzscher: Ja, also erst einmal glaube ich, dass da das Urteil noch aussteht. Also das, was die amerikanischen KI-Konzerne tun, ist Eigeninteresse. Erstens Selbstregulierung, ne? Wir machen das selber, und wenn reguliert wird, dann bitte in einer Art und Weise, die uns schützt, also die die existierenden Marktführer schützt und letztlich vor Wettbewerb schützt. Und das kann ja auch nicht Sinn und Zweck der Sache sein. Also, der amerikanische Ansatz, Selbstregulierung, um die großen Konzerne in den USA zu schützen, ist ein Irrweg. Ist extrem gefährlich. Mache ich mir große Sorgen. Aber der europäische Weg ist auch falsch: zu sagen, wir regulieren erst mal, bevor Neues entstehen kann. Das ist letztlich auch schädlich, weil es Innovation und Veränderung verhindert und es damit europäischen, deutschen Unternehmen schwerer macht, sich im globalen Kontext zu behaupten.

Thilo Haertel: Sie hatten ja da auch das Stichwort Regulatory Sandbox genannt. Funktioniert so etwas dann in der Praxis?

Marcel Fratzscher: Es funktioniert, und wir haben das in vielen Bereichen gesehen. Die Idee der Regulatory Sandbox ist zu sagen: Wenn jetzt ein neuer Bereich kommt – KI ist ein großes Feld, aber nehmen wir mal einzelne Unterfelder von Innovation, sagen wir mal im Gesundheitssektor –, dann lass doch die Unternehmen erst einmal machen. Guck genau, was passiert, als Staat, als Regulator, und dann, wenn man sieht, okay, hier liegen Sicherheitsrisiken, dann müssen wir die beschränken. Hier sind Risiken, dass es unfairen Wettbewerb gibt, dass manche dort andere unfair verdrängen, dann lass uns da so regulieren, dass es Innovation und Wettbewerb fördert. Also, das ist die Idee: erst einmal abzuwarten und nicht sofort im Vorhinein Dinge zu verhindern, bei denen man gar nicht weiß, wie sie nachher funktionieren.

Thilo Haertel: Wenn wir jetzt aber davon reden, so eine europäische Unabhängigkeit von US-Technologie zu propagieren: Wann ist es wirtschaftlich klug und ab wann wird es einfach nur noch teuer?

Marcel Fratzscher: Ich denke, wir können hier eine ganze Menge von anderen Konzernen, von anderen Ländern lernen, vor allem auch beispielsweise von China, obwohl ich das selten sage. Die Philosophie in China seit 30, 40 und mehr Jahren ist: Wir wollen, dass einheimische Unternehmen entstehen und sich im globalen Wettbewerb durchsetzen. Dafür bekommen sie Förderung, zum Teil auch Schutz, aber eben auch Gelder über staatliche Vergabe, z. B. staatliche Aufträge. Aber sie müssen sich dann nach einer bestimmten Zeit im Markt behaupten, und wenn sie das nicht schaffen, dann sind sie raus, dann kriegen sie keine Förderung mehr.

Und das ist ein kluger Ansatz, zu sagen: Wir wollen das Thema digitale Souveränität, vor allem KI-Souveränität in Europa, zu einer hohen Priorität machen. Dafür wollen wir Wettbewerb innerhalb Europas zwischen den Europäern. Nur so entsteht Innovation und kommt an die Spitze. Aber diese Unterstützung ist erstens zeitlich begrenzt, und zweitens fließt sie nicht einzelnen Unternehmen zu, sondern einer gesamten Branche. Also beispielsweise durch Forschungs- und Entwicklungstätigkeit zu sagen: Das machen wir in Europa, dazu haben alle Unternehmen in Europa Zugang. Oder eben bei der Vergabe: Hier sind Systeme, die ausgeschrieben werden, dann können sich alle europäischen Unternehmen darauf bewerben und stehen im Wettbewerb. Also diese zwei Elemente: klare Förderung mit zeitlicher Begrenzung, und die Förderung eben nicht einigen wenigen zukommen zu lassen, sondern allen Europäern. Das sind zwei wichtige Elemente.

Thilo Haertel: Für IONOS liegt Europas Chance jetzt vor allem bei diesen praktischen KI-Anwendungen. Was ist aus Ihrer Sicht hier die größte Gefahr, dass wir diese Chance trotzdem irgendwie verpassen könnten?

Marcel Fratzscher: Wir müssen schneller werden, also Geschwindigkeit ist essenziell, weil wir sehen, wie schnell sich amerikanische, chinesische, auch andere asiatische Länder und Unternehmen bewegen. Also, wir müssen viel schneller werden. Das heißt, wir müssen gesamtwirtschaftlich auch ins Risiko gehen. Das Zweite ist, dass wir die Rahmenbedingungen schaffen, die notwendig sind, damit IONOS, aber auch andere Unternehmen in Europa im globalen Wettbewerb Bestand haben können. Und das heißt, wir brauchen eine Top-Infrastruktur: digitale Infrastruktur, Energie, Regulatorik – das haben wir schon angesprochen –, Finanzierung. Auch das ist wichtig, denn Geld ist gerade bei Technologien, die so skalierbar sind oder so stark skaliert werden, nun mal essenziell.

Thilo Haertel: Jetzt schauen wir auf den Mittelstand, weil ausgerechnet dort KI am wenigsten genutzt wird, im Gegensatz zu ganz kleinen Firmen oder großen Konzernen. Was bremst den Mittelstand hier so konkret? Sie hatten auch von der deutschen Risikoaversion gesprochen.

Marcel Fratzscher: Es sind verschiedene Faktoren, die den Mittelstand bremsen. Erstens, ja: eine gewisse Risikoaversion. Dieses Thema „jetzt mal langsam, lass uns mal Dinge nicht übers Knie brechen, man muss nicht immer der First Mover sein“. Ich glaube, das ist gefährlich, weil sich eben KI-Agenten und die Technologie so schnell verändern, dass man, wenn man hier einmal hintendran ist, schwer wieder Fuß fassen kann. Zweitens Mut zur Veränderung, also zu sagen: Nur weil Dinge in der Vergangenheit gut funktioniert haben, heißt das nicht, dass sie in der Zukunft funktionieren. Also so eine Mentalität, die eher sagt: Okay, ja, wir müssen uns unserer Stärken bewusst werden, aber wir müssen Altes loslassen. Das Dritte, was wir feststellen, ist, dass sich viele Unternehmen noch nicht ausreichend Gedanken darüber gemacht haben, was eigentlich ihr Geschäftsmodell ist, wo KI sie ersetzen kann, aber auch, wo sie KI nutzen können, um ihr Geschäftsmodell zu stärken. Und der vierte Punkt, der auch aus vielen Umfragen hervorgeht: Sie brauchen die klugen Köpfe. Die haben wir in Europa, übrigens auch in Deutschland – es ist nicht so, dass wir sie nicht haben –, aber viele mittelständische Unternehmen sagen, uns fehlen das Know-how und die Fachkräfte im Unternehmen, die das für uns umsetzen können. Die Leute in die Unternehmen zu kriegen, sie dafür zu qualifizieren und fit zu machen, ist entscheidend. Auch bei einer Technologie wie KI, die den Menschen zunehmend ersetzt, ist und bleibt es essenziell, dass Sie die klügsten Köpfe haben, um diese Technologie klug und verantwortungsvoll zu nutzen und umzusetzen.

Thilo Haertel: Sie sagen auch, dass es bei KI weniger um Effizienz geht als vielmehr um Macht, also darum, wer künftig diese Ressourcen kontrollieren wird. Was würde das jetzt praktisch für so ein mittelständisches Unternehmen bedeuten?

Marcel Fratzscher: Für mittelständische Unternehmen bedeutet dies: Ich muss erst einmal investieren. Ich muss überlegen: Was brauche ich an Infrastruktur, Technologie, klugen Köpfen, Regulatorik? Was kann ich innerhalb meiner Verantwortung tun? Immer nur mit dem Finger auf die Politik zu zeigen, hilft nicht, sondern man muss sagen: Okay, was kann ich konkret tun? Zweitens: Partnerschaften mit anderen Unternehmen bilden. Nur so kann ein Unternehmen eigentlich bestehen und erfolgreich sein, wenn man überlegt: Welche Partner habe ich, die gleiche Interessen haben oder gute Kunden sein können? Und als Drittes: Wie kann ich auch die Politik davon überzeugen, dass wir bessere Rahmenbedingungen brauchen, und zwar schnell?

Thilo Haertel: Sie warnen auch davor, dass die KI-Infrastruktur in der Hand weniger privater Konzerne liegt. Wir bei IONOS haben uns als Cloud-Anbieter die Souveränität auf die Fahne geschrieben. Sind wir also als Anbieter Teil der Lösung, oder denken Sie, das verschiebt jetzt nur das Problem?

Marcel Fratzscher: Nein, ich denke, es ist schon ein großer Unterschied zwischen IONOS und OpenAI, um jetzt mal einen Kontrast herzustellen. Ich mache mir große Sorgen um Konzerne wie OpenAI, Anthropic, Google und andere, die KI-Agenten entwickeln, ohne Kontrolle darüber zu haben, ohne zu wissen, was passiert, und die nicht in der Lage sind, zu reflektieren und zu sagen: Okay, jetzt sind wir hier mit unseren Modellen zu weit gegangen und Risiken eingegangen, die wir nicht beherrschen können. Und da bin ich sehr kritisch.

Wenn Regulatorik scheitert, können Unternehmen scheitern, dann kann das Wachstum darunter leiden oder eine Rezession entstehen. Im schlimmsten Fall eine globale Finanzkrise wie 2008/2009 – das erinnert mich immer an die Idee der Selbstregulierung. Es war damals auch die Idee: Lasst die Banken sich mal selbst regulieren. Und das musste natürlich schiefgehen. Nur reden wir jetzt über ganz andere Größenordnungen von Risiken. Jetzt reden wir über existenzielle Risiken für die Menschheit, und da muss Schluss sein. Da müssen wir eine ganz harte Grenze ziehen und sagen: Das kann nicht funktionieren. Und wenn Unternehmen sich nicht an gewisse Sicherheitsstandards halten, die natürlich erst einmal definiert werden müssen, dann haben sie kein Existenzrecht mehr. Da wäre ich als Wissenschaftler und auch als Bürger extrem hart.

Thilo Haertel: Wenn Sie jetzt den Blick in die Glaskugel wagen: Was müsste in den nächsten fünf oder zehn Jahren passieren, damit wir rückblickend sagen können, dass die KI-Transformation geglückt ist?

Marcel Fratzscher: Was wir jetzt brauchen, sind:

1. Globale Regeln, die fairen Wettbewerb mit einem klaren Sicherheitsgedanken priorisieren.

2. Massive Investitionen in eine gute Infrastruktur – alles, was dazugehört: Rechenzentren, günstige Energie, auch kluge Köpfe würde ich dazuzählen.

3. Geld spielt eine große Rolle. Das ist im Augenblick ein Wettbewerb darüber, wer wie viel Geld generieren oder akquirieren kann, um in Rechenzentren, neue Modelle und Infrastruktur zu investieren. Da sind wir in Europa schlecht drin.

Wir brauchen also auch eine europäische Herangehensweise. Wenn wir das alles nur national denken, werden wir scheitern. Wir müssen das europäisch machen, nicht nur bei der Regulierung, sondern beispielsweise auch durch eine Kapitalmarktunion, durch bessere Finanzierungsbedingungen und besseres Risikokapital. All das gehört dazu, damit es uns gelingt.

Thilo Haertel: Herr Fratzscher, vielen Dank für das Gespräch.

Marcel Fratzscher: Sehr gerne.